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Die Grundauffassungen der
Freimaurerei (nach
Lennhoff / Posner)
Wie unterscheidet
sich die maurerische Auffassung des Menschen von anderen humanen, humanistischen
oder moralischen Auffassungen?
Zur Beantwortung
können wir von sechs Behauptungen ausgehen.
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Im Mittelpunkt der Freimaurerei stehen die zehn Gebote und der
Kategorische Imperativ. Im Internationalen
Freimaurerlexikon lesen wir, dass das Sittengesetz im Mittelpunkt des
freimaurerischen Lehrgebäudes steht. Auf dem Altar in jedem Freimaurertempel
liegt das Buch des heiligen Gesetzes, also mit dem Sittengesetz. So steht es
schon in den Alten Pflichten von 1723: „Der Maurer ist durch seinen Beruf
verbunden, dem Sittengesetz zu gehorchen.“ In welchem Sinne der Begriff
Sittengesetz dort gemeint war, ist heute schwer zu erkennen. Wahrscheinlich
waren die zehn Gebote mit dem Begriff Sittengesetz gemeint, wobei der Glaube an
ihre göttliche Offenbarung nicht ausgesprochen wurde. Zum Sittengesetz kam
später der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant: „Handle so, dass die Maxime
deines Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten
könnte.“ Das Sittengesetz anzuerkennen heißt in freimaurerischen Sinn: bereits
zu sein, der Stimme seines Gewissens zu folgen, Pflichtbewusstsein zu haben und
guten Willens zu sein.
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Die Grundeinstellung der Freimaurerei ist
Relativismus, das heißt, alle Erkenntnis ist nur
relativ, nur in bestimmter Beziehung, nur für einen bestimmten Standpunkt gültig
ist, nicht aber im absoluten Sinne, das alles Erkennen im Subjekt verankert ist.
Die Freimaurer dürften die einzigen sein, denen es gelungen ist, ihre Lehre von
Dogmen freizuhalten. Die Freimaurerei kann als eine Bewegung verstanden werden,
die relativistisch eingestellte Menschen zur Förderung des Humanitätsideals
zusammenzufassen trachtet. Toleranz als Forderung der Freimaurer wäre ohne das
Bewusstsein der Relativität aller geschichtlichen Formen und Ausprägungen nicht
denkbar. Freimaurerei lässt jede Religion und alle Philosophie gelten. Sie legt
sich nicht einseitig fest. Ihre Grundeinstellung, aus der ihr Verhalten
gegenüber den Problemen der Welt und des Lebens ableitbar ist, war und bleibt
immer relativistisch. Die Lehren von Kant und ihre Weiterführung durch den
Neu-Humanismus sind der Freimaurerei in vielen Belangen wesensverwandt,
insbesondere ihr relativistischer Wahrheitsbegriff, der jeder Intoleranz den
Boden entzieht und der Duldsamkeit zum Siege verhelfen will, ihr Streben nach
Harmonie, ihre humanistischen Tendenzen. Relativismus ist kein Skeptizismus,
denn dieser ist der zum Dogma erhobene Zweifel, der Unglaube in absoluter Form
und stellt den Wert des Sittlichen in Abrede. Der Relativismus hat zur Folge,
dass die Freimaurerei viele „letzte“ Fragen ausklammert, z.B. Ist der Mensch ein Teil der Natur? Hat das Leben einen Sinn? Ist die
Seele unsterblich? Ist der Mensch gut oder schlecht? Wie soll ich Gutes tun?
Solche Fragen werden von der Freimaurerei nicht beantwortet, weil sie für das
Leben des Freimaurers nicht relevant sind. So ist z.B. sittliches Handeln auch
ohne den Glauben an die Unsterblichkeit möglich. Mit diesen Fragen muss sich
jeder Mensch, also auch jeder Freimaurer selbst auseinandersetzen, die Last der
Konflikte und des Zweifels bleibt dem Einzelnen.
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Der Glaube der Freimaurerei unserer Lesart ist moralischer
Theismus. Eine einheitliche Gesamtauffassung des
Gottesbegriffes innerhalb der Freimaurerei besteht ebenso wenig wie in der Frage
der Religion. Der freimaurerischen Auffassung entspricht am ehesten der des
moralischen Theismus, der nach Kant aus praktischen, vernunftgemäßen Gründen
einen Gott annimmt und in ihm Zweckmäßigkeit und Sinn des Weltgeschehens
symbolisiert sieht. Theismus in diesem Sinne hat mit Dogmen oder kirchlichen
Auffassungen nichts zu tun. Der G.B.a.W. ist im Grunde ein Gottesbegriff im
Sinne des moralischen Theismus.
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Die Praxis der Freimaurerei ist Humanität. Humanität bedeutet seit Cicero die harmonische Ausbildung des
Gemüts und der Verstandes. Für den Freimaurer heißt Humanität, allen Menschen
menschlich zu begegnen. Das bedeutet im Einzelnen: Achtung vor dem
Menschen, der durch Zufälligkeiten der Geburt, des Standes oder der Konfession
nicht berührt werden kann; Anerkennung seiner Menschenrechte, insbesondere
Gedanken- und Gewissensfreiheit; Verpflichtung zur Menschliebe als Teilnahme an
den Geschicken des einzelnen Menschen wie der Gemeinschaft. Damit verbunden sind
sowohl Vaterlandsliebe (Übung der Humanität in der nächsten Umgebung) als auch
Weltbürgersinn (Förderung einer fortschreitenden Entwicklung des
Menschengeschlechts). Der Freimaurer sucht im Kampfe der Klassen ebenso
vermittelnd einzugreifen, wie er sich um Völkerfrieden bemüht. Er verurteilt das
Dogma der Gewalt.
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Der Alltag der Freimaurerei ist Übung der Tugend. Tugend ist nach Kant die moralische Stärke in der Befolgung seiner
Pflicht, die niemals zur Gewohnheit werden, sondern immer ganz neu und
ursprünglich aus der Denkungsart hervorgehen soll. Die Tugend im
freimaurerischen Sinne entspringt dem Gefühl, steht aber zugleich im Sinne der
Einheit von Weisheit – Stärke – Schönheit unter der Kontrolle der Vernunft und
ist ästhetischer Färbung. Als Kardinaltugenden gelten in der Freimaurerei
Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung, die zur Toleranz
führen und das soziale Leben im Sinne des Humanitätsideals formen wollen. Das
schönste Symbol für die Übung der Tugenden ist die Arbeit am rauen Stein, durch
die aus dem Menschen ein schöner und brauchbarer Stein für den Tempelbau der
Humanität werden soll.
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Das Ziel der Freimaurerei ist die Entfaltung und Steigerung
allerschöpferischen menschlichen Potenzen. Die
Freimaurerei befindet sich damit in großer Nähe zuvielen anderen sittlich,
pragmatisch und humanistisch orientierten Geistes- und Lebenshaltungen. Was sie
von allen unterscheidet, ist ihre fehlende dogmatisch-religiöse oder
dogmatisch-philosophische Fundierung. Die Freimaurerei beruht auf der
aufgeklärten Selbständigkeit und Selbstverantwortung des freien und mündigen
Menschen. Die Freimaurerei neigt zu einer dualistisch-spiritualistischen
Auffassung, indem sie an eine aktive Rolle des Geistes im Weltengeschehen
glaubt. Sie erklärt, dass die Welt weder gut noch schlecht im absoluten Sinne,
sondern verbesserungsfähig ist, dass Keimanlagen des Guten vorhanden, dass die
Welt und das Leben durch die Tätigkeit des Menschen und durch die Entwicklung
immer besser werden können. Daher kann als Ziel der Freimaurerei formuliert
werden: Sittlichkeit breitet sich zum Ideal der Humanität, der humanen Kultur
aus. Das bedeutet als höchstes Willensziel die Entfaltung, Steigerung und
Entwicklung aller schöpferischen menschlichen Potenzen zu möglichster
Harmonie.
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